mhueller magazin header
headline

stille betonwasser

| m.

habt ihr beim skaten in einem betonpark schon einmal drüber nachgedacht, worauf ihr da eigentlich rumrollt? neeee, ich meine nicht die oberfläche, sondern die verborgene welt, die sich nur ein paar zentimeter darunter verbirgt! was? das habt ihr noch nicht?! na dann setzt euch beim nächsten skatepark-besuch doch einfach mal für mehrere jahrhunderte vor die transition eurer wahl und wartet ab, was da alles so zum vorschein kommt! zeitlich besser fahrt ihr mit diesem artikel hier!

der bau eines jeden beton-skateparks beginnt mit dem… untergrund! meistens werden dafür ein paar gartenlandschaftsbauer angeheuert, die mit schaufeln, spitzhacken, baggern und rüttelmaschinen die erde bzw. den schotter in ungefähr die form bringen, die der spätere park aufweisen soll. sprich: das endergebnis lässt sich bereits anhand der bodenarbeiten erahnen! alles, was darauf noch folgt, bevor der beton kubikmeterweise fliessen kann, ist das setzen der holzverschalungen und das einbringen all der verborgenen schönheiten, denen ich diesen kleinen artikel hier widmen möchte: den skatepark-bewehrungsstahl-konstruktionen dieser welt, die sich im schnitt ungefähr 7,5 cm unter der fahroberfläche befinden und letztendlich für den zusammenhalt der ganzen sache sorgen!

vergesst die grossen, öden stahlmatten, die man einfach nur stumpf, ja geradezu roboterhaft verlegt, ohne dabei grossartig das gehirn einschalten zu müssen. dabei geht’s nur ums schnelle meter machen, zum beispiel im flat oder in breiten quaterpipes. die magie, auf die ich hinaus will, kommt an einer ganz anderen stelle ins spiel! nämlich genau dort, wo man filigraner agieren muss, wo man einzelstab für einzelstab zu einem grossen ganzen miteinander verflechtet: bei den freien formen im park! und ganz genau so, wie das fertige objekt einen skater nur durch den puren anblick in verzückung versetzen kann, verhält es sich mit dem stahl-unterbau! denn es sind beides schönheiten für sich! die eine sichtbar und befahrbar, die andere für immer verborgen in der dichten, dunklen stille des betons…

dabei ist dort am anfang nur ein haufen schutt, den es gilt, mit einem drahtgeflecht zu ummanteln. man beginnt mit dem ersten stab und schon nach kurzer zeit taucht man ab in eine komplett andere welt, sieht das grosse ganze nach und nach entstehen, eisen für eisen. und mit deiner knippex in der hand stehst du da, gehst immer wieder ein paar schritte zurück, wirfst einen blick auf die form, kontrollierst die abstände der stäbe – ganz so, wie ein bildhauer oder ein maler immer wieder abstand von seinem werk nimmt, zurücktritt, begutachtet, und sich wieder ans… nein… förmlich „ins“ werk begibt! dieser vergleich mag sich zwar bescheuert anhören, aber scheisse, dieses gefühl, welches sich beim eisen flechten einstellt, ist irgendwie das gleiche! du steckst mitten in einem kreativen prozess, wirfst etwas in diese welt, das dich in staunen versetzt – obwohl du es ja eigentlich bist, der diesen prozess kontrolliert! oder vielleicht doch nicht? es ist ein wenig wie meditation. stahl-meditation.

und dann kommt der tag, an dem alles wieder verschwindet. der tag, an dem der beton nach dem stahl greift, ihn umschliesst und für lange, lange zeit in dunkelheit hüllt. er ist nicht mehr zu sehen, doch du kannst ihn spüren, ganz dicht unter deinen rollen. und du weisst, ohne diese verborgenen schönheiten wäre all dies um dich herum nicht möglich. und du weisst, stille betonwasser sind tief. sehr, sehr tief…


( abgelegt unter: dieses und jenes stichwörter: )


copyright 1996 - 2015 mhueller magazin